Der Interviewleitfaden für wissenschaftliche Arbeiten

Für die Bachelor- Master- oder Doktorarbeit werden oft Interviews mit Experten oder Probanden durchgeführt, um Theorien zu untermauern oder zu falsifizieren.

Der Interviewleitfaden ist dabei notwendig, um eine exakt gleiche Orientierung für alle Interviews zu erstellen und den Ansprüchen einer wissenschaftlichen akademischen Arbeit gerecht zu werden.
Kein wissenschaftliches Interview sollte ohne Interviewleitfaden durchgeführt werden!


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Fragen entwickeln für den Interviewleitfaden

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Wie der Interviewleitfaden aussehen soll, unterscheidet sich erheblich davon, welche Forschungsmethode angewendet wird. Vor der Entwicklung des Interviewleitfadens, muss man sich daher entscheiden, welche Methode sich am ehestens zur Realisierung des Forschungszieles eignet. Grundsätzlich unterscheidet man dabei in quantitative und qualitative Forschungsmethoden.

Quantitative Forschungsfragen eigenen sich besonders dann, wenn man herausfinden möchte, wie sich bestimmte Themen in der Realität zeigen und ob entwickelte Hypothesen zutreffen. Qualitative Forschung eignet sich immer dann, wenn im Forschungsprozess erst Hypothesen entwickelt werden und auch die Frage, warum bestimmte Handlungen durchgeführt wurden, von Relevanz ist.


Qualitative Forschung

Soll qualitative Forschung betrieben werden, dann setzt man sich meist mit Fragestellungen auseinander, die vergangene oder gegenwärtige Perspektive, Verhaltensweisen und Handlungslogiken erforschen und verständlich machen sollen. Besonders werden dabei Motive und Einstellungen von einzelnen Akteuren untersucht, die vor dem Hintergrund einer wissenschaftlichen Debatte in einem jeweils anderem Kontext diskutiert werden kann.

Typische Methoden sind qualitative Interviews wie zum Beispiel Expertengespräche, (teilnehmende) Beobachtungen, Einzelfallanalysen oder auch qualitative Inhalts- oder Dokumentenanalysen.

Beispiel für eine qualitative Forschungsfrage: Warum setzen Journalisten in den sozialen Medien vor allem auf Twitter?


Quantitative Forschung

Die quantitative Forschung erhebt Daten mittels standardisierter Methoden und wertet diese statistisch aus.  Die Messung von empirischen Faktoren sollen durch systematische und standardisierte Erfassung im Vorfeld erarbeitete Hypothesen bekräftigen.

Hierfür ist eine größere Fallzahl an Befragungen und Stichproben für die Forschung nötig, um das gesamte Spektrum der Möglichkeiten, Meinungen und Fällen zu erfassen und um Verfälschungen und störende Einflüsse später zu erkennen und ausschließen zu können. Daher kann das Ergebnis repräsentativ auf die große Masse verallgemeinert werden.

Beispiel für eine quantitative Forschungsfrage: Zu welchen Tageszeiten sind Meldungen auf Twitter besonders erfolgreich?


Welches Verfahren ist das Richtige?

Die Auswahl des Verfahrens richtet sich immer nach dem Forschungsziel und sollte vorher im Hinblick auf ihre Vor- und Nachteile abgewogen werden. Als zusätzliches Kriterium muss der aktuelle wissenschaftliche Forschungsstand berücksichtigt werden, deren Belegung oder Ergänzung Ziel des Interviews ist. Die Wahl der Methode muss in der Arbeit hinreichend begründet werden, da sich die Ergebnisse nur so zum Forschungsgegenstand zuordnen lassen.

Anhand der folgenden Tabelle kann entschieden werden, welche Interviewmethode die Richtige ist.  Der Forschungszweck ist dabei ausschlaggebend:

Kriterium

Qualitative Forschung

Quantitative Forschung

Forschungsperspektive

Sichtweise des Betroffenen steht im Mittelpunkt des Interesses

Sicht der objektiven Betrachtungsebene des Forschers

Forschungskontext

subjektive Erfahrungswerte

„harte“ Fakten, replizierbare Daten, objektive Datenerhebung

Forschungsprozess

dynamisch

statisch

Theoriebezug

Entdeckung und Entwicklung von Hypothesen und Theorien anhand des erarbeiteten Materials

Überprüfung und Bestätigung von vorab aufgestellten Hypothesen

Vorgehensweise

induktiv durch Interpretation

deduktiv, messen und erheben von Daten

Erkenntnisinteresse

Erforschung von Lebenswelten und Interaktionen

Verallgemeinerungen von Stichproben auf die Masse

Methode

Experteninterviews, qualitative Inhaltsanalyse, Diskussionen

Umfragen, Beobachtungen, Experimente

Wenn man die Forschungsmethode ausgewählt hat, ist der nächste Schritt die Strukturierung des Interviewleitfadens mit den entsprechenden passenden Fragen.


Struktur des Interviewleitfadens

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Qualitative Interviews

Nach der Auswahl des Forschungsansatz muss als nächstes die Methode für die Interviews gewählt werden. Aus dieser ergibt sich dann unmittelbar die Struktur des Interviewleitfadens.

Strukturiertes Interview: Ein strukturiertes Interview folgt in einer vorgegebenen Reihenfolge einem streng definierten Fragebogen. Von diesem darf keinesfalls abgewichen werden, da bereits durch Formulierungsfehler die Ergebnisse verfälscht werden können. Im Vorfeld empfiehlt sich, die möglichen Antworten zu antizipieren und kategorisch zu ordnen. Das wird die spätere Auswertung erheblich erleichtern.

Strukturierte Interviews bieten sich vor allem dann an, wenn das Forschungsinteresse bereits klar umrissen ist und sich auch den Interviews voraussichtlich keine unvorhersehbaren Themen ergeben.

Unstrukturiertes Interview: Hier können die Befragten frei berichten. Keine vorgegebenen Fragen oder zu eng gestrickte Leitfäden sollen die Berichterstattung einschränken. Trotzdem sollte eine Einleitung in das Gespräch erfolgen, obwohl diese die folgenden Erzählungen nicht in bestimmte Bahnen lenken darf. Ein paar Themen ohne explizite Fragestellungen dürfen vorbereitet werden.

Halbstrukturiertes Interview: Bei dem semistrukturierten Interview werden die Befragten thematisch gelenkt, ohne sie dabei einzuschränken. Ein thematisch orientierter Leitfaden mit Fragen kann im Vorfeld erstellt werden, dessen Abarbeitung während des Interviews hingegen sollte flexibel gestaltet werden.

Die passenden Fragestellungen

Nach der Auswahl der Interviewform geht es dann darum, die konkreten Fragen zu entwickeln. Hierfür sollte man idealerweise zwischen verschiedenen Fragetechniken abwechseln, die an einer anderen Stelle detailliert besprochen werden (zum Artikel zu Fragetechniken).

Die Fragen müssen dabei jeweils aus der Forschungsfrage abgeleitet werden. Es ist dabei in Ordnung, wenn die Fragen erst einmal eine längere unstrukturierte Liste darstellen. Sie können dann im zweiten Schritt für den Interviewleitfaden in eine logische Reihenfolge gebracht werden.


Quantitative Interviews

Bei einem Interview für die quantitative Forschung erfolgt der Ablauf umgekehrt. Zuerst muss nach ausgiebiger Recherche ein Thema gefunden werden, das im aktuellen Forschungsstand noch Lücken aufweist, die mit den derzeitigen Mitteln gefüllt werden können. Nach der Themenfindung muss eine exakte Fragestellung formuliert werden, die mittels Hypothesenbildung vorweg beantwortet werden soll. Zur Überprüfung dieser Hypothesen wird die Methode des quantitativen Interviews herangezogen. Die Art der Umfrage eignet sich dafür am besten. Bei Umfragen ist es wichtig, allen Teilnehmern die auf den Wortlaut gleiche Frage beantworten zu lassen. Damit bei den Befragten erst gar keine Unklarheiten aufkommen, müssen offene und Meinungsfragen vermieden werden.  

Einfache Untersuchung: Telefoninterviews, Bewertungen, Straßenumfragen wer genutzt, um Daten zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem stark eingeschränkten Thema zu erheben. Die einfache Untersuchung dient dazu, individuelle Unterschiede im Hinblick auf das Thema aufzudecken und mit Hintergrundangaben zur Person erklären zu können.

Vergleich von zwei Gruppen: Bei dieser Art Interview werden die gleichen Methoden zur Datenerhebung in zwei verschiedenen Gruppen Menschen genutzt und daraufhin vergleichen. Beispiele dafür ist eine Untersuchung, inwiefern das Internet das Leben bereichert. In der Altersklasse 50+ wird es dazu ganz andere Ergebnisse geben als bei den unter 18-Jährigen.

Vorher-Nachher-Untersuchung: Hier werden Gruppen zu zwei verschiedenen Zeitpunkten befragt und die Datenerfassung zeigt mögliche Veränderungen über den Zeitraum hinweg an. Wichtig ist, dass die gleichen Menschen auch beim zweiten Mal befragt werden müssen, da das Ergebnis von ihrer persönlichen Perspektive abhängt.


Vorbereitung: Gesprächspartner finden, Interviewleitfaden versenden

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Bevor man mit dem Interview loslegt, muss der richtige Gesprächspartner gefunden werden.

Die Auswahl muss in der Arbeit genau erklärt werden, da die Geeignetheit des Interviewpartners auch auf den Wert dessen Ergebnisse verweist.Die Auswahl sollte vorab mit dem wissenschaftlichen Betreuer abgesprochen sein.

Gesprächspartner in einem Experteninterview sollten Fachleute im jeweiligen Themengebiet sein, es müssen aber keine Wissenschaftler sein. 

Bevor man den Experten zum Interview trifft, sollte man sich gut in die Forschungsliteratur eingelesen haben. So ist man in der Lage, die richtigen profunden Fragen zu stellen, deren Antworten tatsächlich die aktuelle Forschungslage erweitern.

Meistens macht es Sinn, dem Experten den Interviewleitfaden bereits vorab zukommen zu lassen. Wenn der Gesprächspartner sensible Daten für das Interview preisgeben wird, so muss vor dem Beginn noch unbedingt eine Einwilligungserklärung für die Weiterverwendung unterschrieben werden. Wir empfehlen, bei allen Interviews so eine Einverständniserklärung vorzubereiten. Man kann ja nie wissen, welche interessanten Themen unbeabsichtigt auftauchen können und so ist man immer auf der sicheren Seite.

Doch wie sieht nun so ein Interviewleitfaden konkret aus?


Beispiel für einen Interviewleitfaden

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Jedes Interview, jeder Leitfaden ist anders. Aber für beides gilt diese generelle Einteilung, insbesondere aber für das Experteninterview:


Vorabinformationen

Das Gespräch beginnt üblicherweise mit wichtigen Vorabinformationen, die noch nicht zum eigentlichen Interview gehören, jedoch wichtig für dessen Rahmen sind.

Beispiele:      

  • Begrüßung und Vorstellung des Interviewers
  • Hinweise zum Ablauf des Interviews
  • Absprache der vorgesehenen Dauer des Interviews
  • Information zur Verwendung und Freigabe der Daten
  • Einverständniserklärung

Der Einstieg

Das eigentlich Interview beginnt im besten Fall mit einer kurzen Vorstellung und einem einfachen Einstieg mit einigen einfachen, Fragen, um „das Eis zu brechen“. Diese Fragen sollten völlig unverfänglich und für den Interviewpartner einfach zu beantworten sein. Sie sollte dennoch kein reiner Small Talk sein, sondern bereits themenrelevant grundlegend notwendige Informationen abfragen.

Beispiele für Eisbrecher-Fragen:

  • Seit wann arbeiten Sie bereits in dieser Abteilung?
  • Was gehört zu Ihren täglichen Aufgabenbereichen?

Der Hauptteil

Bei einem unstrukturiertem Interview stehen hier alle Möglichkeiten offen. Bei allen anderen Methoden sollte die Art der Fragestellung – eine offene oder geschlossene Fragestellung – unterschieden und ausgewählt werden, da sie die Schlüsselantworten zur Forschungsfrage beantworten oder nur umreißen werden.

Hier werden die erstellten Fragen im Falle eines strukturierten oder semistrukturierten Interviews gestellt. Diese können offene oder geschlossene Fragen sein, was besser geeignet ist, hängt von dem Thema der Untersuchung und der Methode der Auswertung ab. Mögliche Beispielfragen des Hauptteils wären:

  • Wie hoch ist Ihr Medienkonsum in Stunden pro Tag? (geschlossene Frage)
  • Wie ist Ihr Notendurchschnitt in den letzten 6 Monaten gewesen? (geschlossene Frage)
  • Welche Medien konsumieren Sie bevorzugt? (offene Frage)

Im besten Fall sind die Einzelfragen zu logisch aufeinander folgenden Themenblöcken zusammengefasst, die dann Schritt für Schritt durchgegangen werden können. Es macht dabei Sinn, den Themenblöcken bereits vorab eine Minutenanzahl zuzuweisen und dann auch tatsächlich zum nächsten Block überzugehen. So stellt man sicher, dass man am Ende des Interviews tatsächlich sämtliche Themen besprochen hat.


Rückblick

Nachdem alle Fragen und Themen abgearbeitet worden sind, kann das Interview noch einmal kurz zusammengefasst werden. So lassen sich Missverständnisse vermeiden. Man sollte aus Höflichkeit nicht vergessen, sich für das Interview zu bedanken, denn die meisten Experten haben unmittelbar nichts davon, ihre Zeit für dieses Interview zur Verfügung gestellt zu haben.


Ausblick

Es ist immer eine nette Geste, den Interviewpartner wissen zu lassen, was als nächsten mit den Antworten geschehen wird. Ob er über den weiteren Verlauf der Studie und die Ergebnisse der Forschung informiert wird, ist für den Interviewpartner sicherlich auch eine interessante Frage.


Organisatorische Themen

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Folgende Aspekte müssen in die Erstellung des Interviewleitfadens und in die Durchführung eines Interviews integriert werden:

  1. Einverständniserklärung der interviewten Person, dass die erhobenen Daten verwendet werden dürfen
  2. Datenschutzerklärung für den Schutz der persönlichen Daten sowie, dass diese unkenntlich gemacht werden im Falle einer eventuellen Rückverfolgung
  3. Das Interview muss im Nachhinein transkribiert werden, dieser Aufwand ist in die Gesamtrechnung einzubeziehen
  4. Suggestive Fragen sind in Interviews generell zu vermeiden, sie können zur Verfälschung der Antworten führen
  5. Die Interviewer müssen vor der Durchführung der Arbeit gebrieft werden, sodass sie den Ablauf des Interviews genau wie geplant durchführen können
  6. Die Länge des Interviews sollte gut geplant werden und ein klares und möglichst zeitiges Ende als Ziel haben, um die ausreichende Konzentration aller Beteiligten zu wahren. Gegebenenfalls ist eine Einteilung in mehrere Parts sinnvoll.

Bereits bei der Planung des Interviews sollten Sie bedenken, wie Sie dieses später transkribieren und auswerten möchten. abtipper.de hilft Ihnen dabei gerne als deutscher Marktführer für die Verschriftlichung von Audio- und Videodateien:

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Weitere Fragen und Antworten

 

✅ Was ist ein Interviewleitfaden?

Ein Interviewleitfaden ist eine Strukturierungshilfe für ein qualitatives Interview. Es enthält die vorgesehenen Themenblöcke und Fragen für das Interview und kann dem Interviewpartner vorab zur Vorbereitung zur Verfügung gestellt werden.

Üblicherweise besteht ein Interviewleitfaden aus folgenden Abschnitten:
1. Einstiegsfragen: Meist einfach zu beantwortende „Eisbrecher“-Fragen zur Aufnahme des Gesprächs.
2. Hauptteil: Eigentliche inhaltliche Fragen, die mit dem Interview beantwortet werden sollen.
3. Abschließende Informationen: Hinweise zu den nächsten Schritten und über Formales, z.B. Weiterverwendung der erhobenen Daten.

Für jeden Abschnitt gibt es unterschiedliche Frageformen, die sich anbieten.

✅ Was sind die Vorteile eines Leitfadeninterviews?

Vor allem für weniger geübte Interviewer ist ein Leitfadeninterview gut geeignet, um strukturiert vorzugehen, nicht abzuschweifen und nichts zu vergessen.

Grundsätzlich lebt aber ein Interview von der Interaktion der Gesprächspartner. Ein Interviewleitfaden ist daher eine gute Leitlinie, von der im Gespräch aber für interessante Nebenaspekte abgewichen werden darf. Der Leitfaden ist auch dann eine gute Gedankenstütze, welche Fragetechnik in welchem Abschnitt die größten Erkenntnisse versprechen.

✅ Wie erstellt man einen Interviewleitfaden?

Die Erstellung eines Interviewleitfadens geschieht üblicherweise in zwei Schritten:

1) Bei der Fragenentwicklung werden aus dem Erkenntnisinteresse die zu beantwortenden Fragen gesammelt. Hier wird noch keine Priorisierung vorgenommen.
2) Bei der Leitfadenenerstellung werden die gesammelten Fragen geordnet, zu Fragenblöcken sortiert und mit Hilfe der passenden Fragetechnik formuliert.

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